Vor der Festveranstaltung wurde eine Gedenktafel am Wohnhaus Dornhofers im Holzweg enthüllt
Andacht in der Hauskapelle des MCH
Gesprächsrunde, an der Familienmitglieder und Biograph Thomas Speckmann teilnahmen
Ministerpräsident Dieter Althaus würdigte die Lebensleistung und das Besondere Dornhofers
anschließend gab es noch einen Empfang für alle Gäste

Dieter Althaus

37308 Heilbad Heiligenstadt

info(at)dieter-althaus.de

Hugo-Dornhofer-Stiftung

Festansprache am 02.09.2008 anlässlich der Aufnahme der Stiftungstätigkeit, Heilbad Heiligenstadt, Marcel-Callo-Haus

Liebe Vertreter des Vorstandes der neuen Hugo-Dornhofer-Stiftung, liebe Freunde,

wir haben vorhin im Eingangslied gesungen: „Gib den Boten Kraft und Mut, Glauben, Hoffnung, Liebesglut und lass reiche Frucht aufgehn, wo sie unter Tränen sä´n.“ Das könnte auch über dem Leben von Hugo Dornhofer stehen, denn er hat unter Tränen gesät, aber die Frucht ist reich aufgegangen. Das, was wir jetzt gestalten dürfen, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, ist letztlich auch auf diesem Fundament, von Männern und Frauen wie Hugo Dornhofer, gewachsen.  Menschen, die an die Demokratie glauben, für die Freiheit einstehen, nicht weglaufen - aber das ohne großes Pathos, sondern in tiefer Bescheidenheit.

Ich freue mich sehr, dass Schwester Magdalena da ist und Frau Maria Dornhofer. Ich denke, für Ignaz wäre das ein Tag von unbändiger Freude gewesen. Immer, wenn ich ihn nach der Wende getroffen habe, war er begeistert, dass er endlich in ganz Deutschland, oft über die Konrad-Adenauer-Stiftung, unterwegs sein durfte, um zu erzählen, was er und sein Vater erlebt haben und was beide geprägt hat. Deshalb ist es eine große Freude, dass wir heute eine solche Stiftung haben. Zwei Urenkel haben schon gesprochen, durch die gleiche Person, durch Claudia. Ich kann bestätigen, dass sie sehr politisch ist. Sie hat als ganz junge Frau schon den Bundespräsidenten mit gewählt – mit großer Freude. Und sie macht sich gerade auf, womöglich die Kollegin von Manfred Grund zu werden. Sie muss noch kämpfen, erst für den Wahlkreis und dann im Wahlkreis. Aber das macht – denke ich - deutlich, dass sich in der Nachfolge von Hugo Dornhofer viele junge Menschen  für unsere Gesellschaft engagieren.

Zu den drei Zielen der Hugo-Dornhofer-Stiftung gehört neben dem Erbe des Namensgebers, an das erinnert und bewahrt werden soll, junge Menschen für Politik und politisches Engagement zu interessieren. Aber auch insbesondere die beiden deutschen Diktaturen aufzuarbeiten und zeitgeschichtliche Kenntnisse zu vermitteln.

In einer Studie, von der Freien Universität Berlin, die vor einigen Wochen veröffentlich wurde, zeigt sich wie erschreckend falsch bzw. dünn das Geschichtswissen ist. Aber auch täglich erleben wir, wie groß das Unwissen über Diktaturen ist. Nach den Ergebnissen der Schülerbefragungen war Willy Brandt ein berühmter DDR-Politiker und der Mauerbau eine Initiative des Westens, um nur zwei Grotesken zu nennen. Das Schlimme: Wer diese Geschichte nicht kennt, der ist auch nicht gefeit, Fehler erneut zu begehen.

Ich freue mich sehr, dass Hildigund Neubert aktiv mitmacht. Sie bemüht sich gerade mit Freunden in Erfurt, das ehemalige Stasi-Gefängnis nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Denn wer es einmal besucht, oder das in Hohenschönhausen, der weiß, wie menschenverachtend die SED-Diktatur von 1949 bis 1989 gewirkt hat und wie durch Angst systematisch eine ganze Gesellschaft beeinflusst wurde. Wir alle kennen die Schicksale und Hugo Dornhofer ist letztendlich auch ein solches  Beispiel.

Hugo Dornhofer war ein Christdemokrat aus Leidenschaft. Wenn man in seine Biografie schaut, dann wird das mehr als deutlich. 1896 in der Steiermark geboren, stammte er aus sehr armen Verhältnissen. Mit zwölf Jahren verstarb seine Mutter. Er hat sehr zeitig das Elternhaus und später auch die Heimat verlassen. Ein Elternhaus, das ihn tief katholisch geprägt hat. Und diese Prägung – wissen wir – hat das ganze Leben gewährt. Er hat eine Lehre als Tischler absolviert und sich dann schon mit 23 Jahren der christlichen Gewerkschaftsbewegung angeschlossen. 1921 ist er aus Österreich nach Heiligenstadt in das Eichsfeld gekommen. Seine Frau stammte von hier.

Sofort wurde er aktiv und war von 1923 bis 1933 Gewerkschaftssekretär. Das Datum 1933 macht – glaube ich – die erste Zäsur in seinem politischen und gewerkschaftlichen Engagement deutlich. Er ist dem Zentrum beigetreten. Das Zentrum hatte damals im Eichsfeld eine besondere Hochburg. Wenn Sie einmal die Wahlergebnisse von 1933 in Deutschland in den Blick nehmen, so hatte das Eichsfeld mit das beste Zentrumsergebnis. Und so, auch wenn die Nationalsozialisten dadurch nicht verhindert werden konnten, mit das schlechteste NSDAP-Ergebnis in ganz Deutschland.

Und dieses politische Engagement, das aus seinem gewerkschaftlichen Engagement ganz automatisch wuchs, ist ja durchaus beispielgebend bei vielen Denkern der Soziallehre. Auch später bei den Vätern der sozialen Marktwirtschaft kam gerade die Arbeitnehmerfrage, so würde man heute sagen, damals die Arbeiterfrage, als entscheidende Frage in den Mittelpunkt der Diskussion. 1933 bis 1945 wurde er dann von den Nationalsozialisten aller Ämter enthoben. Er war zunächst arbeitslos und musste dann sogar zwangsverpflichtet im KZ Mittelbau-Dora als Betreuer einer Baustelle fungieren.

Dann nach 1945 der Aufbruch, Befreiung, endlich einer freien und hoffentlich demokratischen Zukunft entgegen gehen. Und Hugo Dornhofer, dem es um die Menschen ging, begründete ganz selbstverständlich die CDU hier im Eichsfeld und in Thüringen mit. Er ist mein Vor-Vor-Vorgänger, denn er war erster Landesvorsitzender der CDU Thüringen und er war auch Kreisvorsitzender der CDU Heiligenstadt. Er hat in dieser Zeit einen Kreisverband geführt, der noch stark zentrumsorientiert war, aber auch neuen Perspektiven offen stand. Eben eine Union aller sozialen Schichten, eine Union aller deutschen Landschaften und einer Union der Konfessionen. Dies war eine Aufbruchzeit im Eichsfeld. Große Persönlichkeiten wie Pfarrer Dirk und andere prägten damals die CDU Eichsfeld mit. Es gab über 7.000 Mitglieder, in diesem kleinen Kreisverband. Diese Aufbruchzeit hat leider nicht lange gewährt.

Spätestens ab dem Jahr 1947, als die SMAD und die SED spürten, da ist etwas, was wir wohl nicht so einfach beiseite schieben können, wendete sich das Blatt. Viele, wie unser damaliger Landrat Schäfer, sind in den Konflikt mit der neuen Führung gekommen. Hugo Dornhofer weigerte sich, die CDU zu einem SED-konformen Kurs zu führen. Deshalb musste er aus all seinen Ämtern zurücktreten. Und dann sogar noch die perverse Krönung dieser Geschichte 1952 bis 1956: Die Haft. Auf dem Weg zur Kirche wurde Dornhofer verhaftet. Wer diese Geschichte liest, spürt etwas von der Unmenschlichkeit des SED-Regimes.

Und dann waren die Heiligenstädter Schulschwestern. Ich freue mich, dass heute viele da sind, nicht nur seine Tochter, sondern auch vielen andere, die sehr viel mit ihm zu tun hatten. Sie haben ihm die Möglichkeit gegeben, nach der Haft von 1956 bis 1977 – als politisch geächteter – als Hausmeister und Gärtner zu arbeiten. Eine politische Isolation und auch eine Zeit, in der Hugo Dornhofer sehr stark in sich gegangen ist. Die Heiligenstädter werden das wissen. Nur die, die wirklich in seinem Umfeld lebten, haben etwas von dieser Geschichte mitbekommen. Vielen in Heiligenstadt, den Zugezogenen oder den Jungen, ist seine Geschichte erst nach der Wiedervereinigung bekannt geworden.

Umso wichtiger ist es, ihn als Mensch, als Christ und Politiker einmal genau anzuschauen. Sicher gibt es viele Facetten, die so genau noch nicht beleuchtet sind. Ich freue mich, dass die Stiftung sich auch seinem Leben besonders annimmt und dass wir nachher in der Diskussionsrunde auch noch einiges über ihn hören werden.

Hugo Dornhofer war, so hat es der Biograf Thomas Speckmann beschrieben: „deutsch – christlich – demokratisch – sozial“. Das hat ihn geprägt.

Deutsch, da könnte man fragen, als Österreicher? Ja, denn er hat das Eichsfeld zu seiner neuen Heimat gemacht. Er hat dafür geschwärmt und er hat Deutschland geliebt. Er war ein Patriot, er war heimatverbunden. Er war kein Nationalist. Aber er war stolz auf das, was diese Nation hervor gebracht hat. Und auch, als er aus der Haft entlassen wurde, war er, obwohl ein politisch Geächteter, überhaupt nicht daran interessiert, den Osten zu verlassen. Es war zu dieser Zeit, wie Sie wissen, durchaus noch möglich.

Über Heiligenstadt hat er einmal gesagt: „Seit ich vor über vierzig Jahren beim Tode meines lieben Mütterleins mein Vaterhaus und dann meine Heimat verlassen musste, habe ich mich nirgendwo mehr so daheim gefühlt, wie hier. Ich kenne keine Worte und keine Ausdrücke, die ich zu größerem Lobe sagen könnte.“ Eine Hommage an das Eichsfeld und an Heiligenstadt. Und weiter: „Meiner Meinung nach bedeute ich gerade jetzt mehr für die Leute wie jemals. Schon die Tatsache meiner bloßen Anwesenheit genügt, sie nicht mutlos werden zu lassen und Hoffnung zu behalten. Wie ein Hirte seine Herde nicht verlässt, wenn Gefahr für sie da ist, soll auch mir niemals jemand nachsagen können, dass ich gerade in der Zeit der Not jemand verlassen würde oder um persönlicher Sicherheit willen, nachdem ich jetzt nicht mehr an den führenden Stellen stünde, die Flinte ins Korn werfen würde.“ Das ist  nach der Haft, der Ausgrenzung und all dem Erlebten, eine außergewöhnliche Tugend.

Dornhofer war zutiefst christlich. Er war geprägt von der katholischen Soziallehre. Ich erinnere daran, dass Joseph Kardinal Höffner sein großes Werk „Christliche Gesellschaftslehre“ aus der katholischen Soziallehre heraus entwickelt hat. Eine Soziallehre, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, den Einzelnen, jeden Einzelnen, so wie es Oswald von Nell-Breuning immer ausgedrückt hat. Ursprung, Träger und Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen muss der Mensch sein.

Dornhofer war sich bewusst, dass das Katholische, das ihn geprägt hat, sein Elternhaus, die christliche Moral und die Tugend, am Ende ein wertkonservatives Gesellschaftsbild darstellen, bei dem es klare Prioritäten gibt. Prioritäten, die wir auch heute wieder stärker leben müssen. Die Grundlage einer jeden Gesellschaft bilden z. B. die Familie und die Ehe. Und jeder Staat vergeht sich an der Zukunft seiner Gesellschaft, wenn er sich an deren Stelle setzen will. Wir haben einen solchen Staat erlebt, aber ich will offen bekennen, auch heute sind die Versuchungen hinein zu regieren in diese Freiheit, in diese kleine Einheit, sehr groß. Plötzlich können andere besser entscheiden, als die Eltern. Nein! Es bleiben die Eltern. Gott sei Dank haben damals die Mütter und Väter des Grundgesetzes dieses auch sehr fest formuliert im Artikel 6 unseres Grundgesetzes „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“. Keine Beliebigkeit! Nicht die Frage, ob wir uns vornehmen, zukünftig ohne Ehe in die Zukunft zu gehen. Nein, die Grundlage, das müssen wir deutlich sagen, bilden Ehe und Familie.

Das Solidaritätsprinzip, das ebenfalls im Kleinen wurzelt. Keiner darf in Not sein, jeder soll Befähigung erlangen. Das beginnt in der kleinen Einheit und verlangt am Ende natürlich auch gesellschaftliche Strukturen oder, heute wird es gerne Subsidiarität genannt, die Konzentration auf die eigene Kraft zu aller erst. Die Subsidiarität verlangt nach der kleinen Einheit, nach der Familie, nach der Struktur im Unternehmen, nach der Struktur in einer Kommune und erst dann kommen organisierte Interessen, in denen Hugo Dornhofer ja aktiv war und aufgewachsen ist, zum Tragen, z. B. Gewerkschaften. Heute ist es meistens so, dass diese organisierten Interessen noch vor den kleinen Sozialbeziehungen formuliert werden. Und dann kommt es häufig noch vor, dass sogar die obere Ebene, der Staat, die großen Systeme, sich ganz und gar der unteren Ebene bemächtigen.

Dornhofer war geprägt von der Überzeugung, dass das Gemeinwohl gesichert sein soll. Heute übersetzen manche Gemeinwohl mit „Mein-Wohl“. Gemeinwohl meint aber, das Gute zu sichern, die Werte zu leben. Johann Freitag hat das vorhin deutlich gesagt in den einführenden Worten und auch Vikar Gehlfuß. Es kommt auf die Prägung durch Personen an. Das ist ganz wichtig, weil wir sonst eine Gesellschaft, die auf Freiheit setzt, nicht funktionsfähig erhalten und weil sonst die Egoismen und der Neid sich immer weiter verbreiten und das in einer freiheitlichen Gesellschaft ganz zwangsläufig zu erheblichen Konflikten führt. Diese Überzeugung hat Hugo Dornhofer nicht gepredigt, sondern gelebt. Auch das ist ein wichtiges Zeichen, das wir von ihm übernehmen können. Wenn manche dozierte Werterede heute gelebt würde, dann würde es vielleicht besser sein. Das gilt für die Schule, das gilt für die Familie, das gilt für uns alle. Der oder die Politikerin, so wie sie lebt, so wie sie handelt, ist ein entscheidender Punkt, um Glaubwürdigkeit zu bekommen. Das war bei Hugo Dornhofer wie selbstverständlich eines, diese Glaubwürdigkeit zu leben. Die Überzeugung ist bei ihm natürlich gewachsen, weil er als Gewerkschafter spürte: Wenn ich für die Arbeiter Fortschritte entwickeln will, wenn ich Erfolge haben will, dann braucht es diese Gemeinschaft.

Er hat einmal gesagt: „Die katholische Trutzburg Eichsfeld“. Da ist was dran, wenn sie auch nicht alles verhindern konnte. Aber wenn Sie sich einmal die Wahl von 1946 anschauen, frisch gegründete CDU, frisch gegründete SED, vereinigt aus SPD und KPD: Das Zentrum 1933 hatte hier im Eichsfeld 66 Prozent und die Nationalsozialisten knapp 24 Prozent. 1946 hatte die Union hier 68 Prozent und die SED 28 Prozent, zum Vergleich in Thüringen: fast 50 Prozent SED. Da war was dran und interessant ist, dass das Wahlergebnis von 1990, der ersten freien Volkskammerwahl, fast identisch ist.

Und dann der Demokrat. Er hat gespürt, was es heißt, ausgegrenzt zu werden, in nicht demokratischen Strukturen leben zu müssen. Er kam vom linken Zentrumsflügel, weil er als Gewerkschaftler besonders die Interessen der Arbeiter vertreten hat. Und er setzte sich deshalb auch leidenschaftlich nach dem Zweiten Weltkrieg dafür ein, den Streit der Demokraten nie wieder zuzulassen. Weimar ist ja nicht an der Unfähigkeit, Demokraten hervor gebracht zu haben, gescheitert, sondern an der Unfähigkeit der Demokraten, zusammen zu halten. Denn die Feinde der Demokratie versuchen immer die Mittel der Demokratie auszunützen. Diese Erfahrung, die Hugo Dornhofer nach 1933 selbst gemacht hat, hat ihn auch geprägt. Obwohl tiefkatholisch, wollte er eine CDU als Union der Konfessionen. Er wusste, dass gerade die Nationalsozialisten die Mittel der Demokratie gnadenlos ausgenutzt haben, weil sich die Demokraten gestritten haben. Das musste auf Dauer verhindert werden.

Er hatte geglaubt, dass man in dieser SBZ, in der sowjetischen Besatzungszone, auch einen solchen erfolgreichen Weg in Freiheit und Demokratie gehen kann. Er wurde leider schwer enttäuscht und deshalb hat er die Selbstenthauptung der Eichsfelder CDU und der Thüringer CDU nicht mitgemacht und hat alle seine Ämter niedergelegt. Am Anfang war er aber eher noch in der Märtyrerrolle, wollte zeigen: Es geht. „Eiserner Märtyrergeist und Märtyrerwille“, so hat er es formuliert, „muss die Selbstbehauptung zum Schluss der Eichsfelder Union ausmachen.“ Aber um ihn herum war die Kraft, die Demokratie zu widerlegen, stärker. Die folgende Worte wurden bereits zitiert, aber ich finde dieses Zitat ist wirklich eine große Aussage für die Demokratie: „Wir müssen eine edlere Form der parlamentarischen Demokratie vorleben, als sie die Vergangenheit bescherte. Darum werden wir jederzeit gegen jede Art und Form einer Diktatur oder Ansätzen hierzu angehen. Diktatur und Terror sind Totengräber der Demokratie.“

Dornhofer war auch ein zutiefst sozialer Mensch. Seine Herkunft ist, denke ich, schon Grund genug: Arme Verhältnisse, dann das Schicksal in der Familie und natürlich das Umfeld. Er hat in der katholischen Arbeitnehmerbewegung entscheidend mitgearbeitet. Und er hat versucht, sich aus dieser Erfahrung heraus in die neue Entwicklung der sozialen Marktwirtschaft zu integrieren. Diese macht ja letztlich die zwei Seiten ein und derselben Medaille aus: Die Idee der Marktwirtschaft, aber auch die Idee des sozialen Ausgleichs. Beides gehört zusammen. Seine Formulierung: „Getragen von der sozialen Grundhaltung unserer christlichen Weltanschauung werden wir immer bestrebt sein, den wirtschaftlich Schwächeren zu helfen, wo die Möglichkeiten dazu gegeben ist. In Hilfsbereitschaft und Tatchristentum wollen wir uns von niemand übertreffen lassen.“ Ich finde die Formulierung „wo die Möglichkeiten dazu gegeben ist“ sehr gut. Man könnte auch bei Thomas von Aquin nachlesen. Er hat Ähnliches formuliert. Wirtschaftliche Hilfe, Hilfe für Schwächere muss immer auch die Möglichkeiten der Gesellschaft berücksichtigen. Man könnte es mit dem Bild des Hl. Martin sagen und dabei etwas schmunzeln: Der Hl. Martin hat hoffentlich hinterher wieder einen neuen Mantel gekauft, damit die nächste soziale Tat möglich wurde, sonst wäre er am Ende keiner gewesen, der wirklich für Zukunft gesorgt hätte. Unsere Eltern und Großeltern hatten ein sehr einfaches Motto, das all das vielleicht ganz umfasst: „Unseren Kindern soll es einmal besser gehen.“ Dafür haben sie Tag und Nacht gearbeitet und haben den Ertrag ihrer Arbeit genauso investiert. Es ist ein Motto, das, so finde ich, auch heute volle Berechtigung hat. Hugo Dornhofer, so wie es Thomas Speckmann geschrieben hat, ein Mann, der als Christ, als sozial Arbeitender und Denkender, als Demokrat und als Deutscher genau diese wichtige Entwicklung hier im Eichsfeld und auch in Thüringen nach der bitteren Erfahrung des National-sozialismus einbringen wollte. Ein Mann, der scheitern musste, was ihn aber dann für das ganze Leben zeichnete.

Zum Schluss aber bleibt ein Mann, der sich nicht verbiegen ließ. Der sich auch nicht politisch instrumentalisieren ließ, was durchaus eine Versuchung hätte sein können, als Landtagsabgeordneter, als Landesvorsitzender in der neuen Machtstruktur. Trotz Zwangsarbeit, Folter und Gefängnis ist er mit persönlich großem Ehrgefühl hier in dieser Stadt glaubwürdig unter uns gewesen, ohne dass ihm diese Ehre tagtäglich anzusehen gewesen wäre oder dass er andere darauf aufmerksam gemacht hat. Ganz im Gegenteil. Das bescheidene Vorbild hat ihn ausgezeichnet. Seine Formulierung für die Politik und damit auch für seine Entscheidung ist eindrücklich: „Grundlage der politischen Willensbildung muss eine unbedingte Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sein.“ Vikar Gehlfuß hat das vorhin schön formuliert: Es kommt auf den Menschen an, auf das Gesicht des Menschen, auf die Glaubwürdigkeit. Und so konnte Hugo Dornhofer gar nicht anders. Er hätte sonst seine eigene Wahrhaftigkeit aufgegeben oder er hätte seine Aufrichtigkeit und seine Ehrlichkeit in Frage gestellt. Dieser interne Widerstand war wichtig, auch wenn er für ihn persönlich so erfolglos blieb.

Trotzdem sind es große Herausforderungen, die wir bestehen müssen. Nicht nur im eigenen Land. Herausforderungen, die wiederum an die Substanz der Demokratie gehen - Rechtsextremisten, Linksextremisten – sondern auch die großen Entwicklungsfragen, die sich in den nächsten Jahren noch stärker stellen. Wie halten wir es mit der Zukunft, wie halten wir es mit der Familie, der demografischen Entwicklung? Oder die ganz großen Fragen, die neu hinzu gekommen sind in den letzten Jahrzehnten. Wir leben in dieser einen Welt, die immer mehr zu einem Dorf wird. Wir partizipieren von all dem, was auf dieser Welt entwickelt wird. Wie kann man trotzdem die regionale und nationale Entwicklung in Wohlstand und Sicherheit gewährleisten? Noch in diesem Jahrhundert werden wir einen Quantensprung erleben. Als Hugo Dornhofer aufwuchs, hatte unsere Welt keine 2 Milliarden Menschen. Als Hugo Dornhofer in den großen Konflikt mit der SED kam, hatte unsere Welt keine 4 Milliarden Menschen. Wir haben jetzt 6,3 Milliarden Menschen, und wenn, hoffentlich, unsere Kinder Enkel haben, dann wird diese Welt knapp 10 Milliarden Menschen haben. Hier stehen wir vor Fragen, bei denen es wieder auf die einzelne Person ankommt: Ist sie gewillt, die Demokratie vor Ort zu stärken und auch am Ende für sie einzustehen? Dazu brauchen wir, und das hat Hugo Dornhofer ausgezeichnet, das, was Fritz Stern Systemvertrauen genannt hat. Fritz Stern, dieser große Jude aus Deutschland, der Deutschland verlassen musste, der lange in New York und Washington gelebt und gelehrt hat, hat es gesagt: Die Demokratie lebt vom Systemvertrauen. Man muss auf sie vertrauen und vertrauen heißt auch, Verantwortung tragen. Das kann man nicht abschieben an Regierungen und Parteien, sondern da ist jeder gefragt, so wie 1989, als wir aus den Kirchen dieser Stadt zum Friedensplatz gezogen sind. Damals war jeder gefragt und ist auch heute jeder gefragt. Der Beitrag kann unterschiedlich sein, aber das allgemeine Jammern über die Zustände oder über erwartete Zustände, das uns Deutschen ja so unwahrscheinlich liegt, das ist keine gute Perspektive. Und sie ist aus den Augen von Hugo Dornhofer keine, die wir uns am Ende auch selbst zumuten sollten. Aber auch offene Kritik, auch das muss die Politik ertragen. „Ohne Kritik“, so Dornhofer, „ist Demokratie nicht möglich und wenn es jemand mit der Erziehung des Volkes zur Demokratie ernst ist, muss er es zur Kritik erziehen – und wenn es gegen ihn selbst wäre.“

Ich freue mich, dass wir diese Stiftung haben und ich denke, dass sie ihre Ziele erreichen wird, weil der Mann, der dieser Stiftung den Namen gibt, einen Nachlass hat, der nicht nur auf Fotos und in Papier nachzulesen und anzuschauen ist, sondern der in dieser Gesellschaft, die wir alle erleben dürfen nach 1989/90, gute Früchte trägt.

>> Dornhofer-Stiftung im Internet

nach oben