Dieter Althaus, 51, CDU-Politiker, stieß am 1. Januar 2009 auf einer österreichischen Piste mit einer Skifahrerin zusammen, die an den Unfallfolgen starb. Nachdem die thĂŒringische CDU bei den Landtagswahlen die absolute Mehrheit verloren hatte, trat Althaus im September als MinisterprĂ€sident zurĂŒck.

Dieter Althaus

37308 Heilbad Heiligenstadt

info(at)dieter-althaus.de

30.12.2009

Das war meine Rettung

"Der Verlust des Amtes war auch befreiend"

Vor einem Jahr verursachte Dieter Althaus einen verhÀngnisvollen Skiunfall. Im Interview erzÀhlt er, wie ihm Glaube und Familie halfen, wieder auf die Beine zu kommen.

 

ZEITmagazin: Herr Althaus, das Jahr 2009 war nicht einfach fĂŒr Sie. Zuerst der Skiunfall, dann das Scheitern bei der Wahl, der Verlust des Amtes. Was hat Ihnen geholfen, diese Ereignisse zu verarbeiten?

Dieter Althaus: Anfang des Jahres, als ich im Krankenhaus lag, hat mir die bevorstehende Landtagswahl Kraft gegeben. Ich habe mich ganz darauf konzentriert, wieder fit zu werden, wieder aktiv im Beruf sein zu können. Das war mein ganzes Ziel. Ich bin ein Pflichtmensch. Und die Pflicht war eine große Motivation fĂŒr mich. In der Rehaklinik in Allensbach habe ich von morgens bis abends gearbeitet.

ZEITmagazin: Warum waren Sie so streng zu sich?

Althaus: Das ist sicher ein StĂŒck weit die Erziehung durch meine Eltern – mich zu fordern, Verantwortung zu tragen, ehrgeizig zu sein, mir selbst Ziele zu setzen und dann alle KrĂ€fte dafĂŒr zu mobilisieren, sie zu erreichen.

ZEITmagazin: Wie sind Sie mit der Belastung umgegangen, dass durch diesen Unfall ein Mensch zu Tode gekommen ist? Empfinden Sie Schuld?

Althaus: Die Belastung bleibt, aber das ist kein GefĂŒhl, das mich tĂ€glich bestimmt. Zum einen, weil alles, was mit und um den Unfall geschehen ist, unwiederbringlich aus meinem GedĂ€chtnis verschwunden ist. Zum anderen haben mir meine Familie und mein Glauben geholfen.

ZEITmagazin: Sie sind sehr katholisch. Haben Sie gebeichtet?

Althaus: Ich hatte bereits in Allensbach Besuch von Erzbischof Zollitsch und seitdem eine Reihe weiterer geistlicher GesprĂ€che. Und natĂŒrlich gehört auch das Bußsakrament zum Leben eines Katholiken. Der Besuch der Messe, das Beten, das Bitten um Vergebung hilft mir, mich auf Neues einlassen zu können, ohne tagtĂ€glich mit der Belastung durch eine mögliche Schuld konfrontiert zu sein.

ZEITmagazin: Denken Sie heute, dass Sie sich mehr Zeit hĂ€tten nehmen sollen fĂŒr Ihre innere Gesundung?

Althaus: Das ist sicher so. Aber damals war das fĂŒr mich nicht entscheidend, weil der politische Zeitplan lief. Meine Eltern haben mir deutlich gemacht, dass ich jetzt zuerst darauf achten mĂŒsse, nicht nur körperlich, sondern auch innerlich zu genesen. Und auch meine Frau hatte diese Meinung – obwohl sie das nie geĂ€ußert hat, weil sie spĂŒrte, wie wichtig es mir war, als Spitzenkandidat anzutreten. Heute wĂŒrde ich ihrer Meinung mehr Raum geben.

ZEITmagazin: Was hat Sie zu dieser Erkenntnis gebracht?

Althaus: Der Verlust des Amtes war einerseits ernĂŒchternd, andererseits aber auch befreiend. FĂŒr mich begann damit eine neue Lebensphase, in der ich erkannte, dass man die Ziele, die man verfolgt, niemals absolut ĂŒber die Dinge stellen sollte, die daneben auch noch wichtig sind.

ZEITmagazin: Sie meinen die Familie?

Althaus: Die Familie hat mich in meiner politischen Karriere immer unterstĂŒtzt. Aber jetzt ist sie in einem ganz anderen Sinn wichtig fĂŒr mich geworden, weil sie mich auch sehr stark in der Phase der Probleme und des Misserfolges begleitet, mich trĂ€gt, mir neue Orientierungen gibt. In diesem Umfeld kann ich vollstĂ€ndig daheim sein und auch vollstĂ€ndig ich sein.

"Der Verlust des Amtes war auch befreiend"

ZEITmagazin: Was bedeutet das fĂŒr Sie: ich sein zu können?

Althaus: Selbstwert, Selbstbewusstsein, aber auch Grenzen zu kennen, also auch mal schwach sein zu dĂŒrfen.

ZEITmagazin: Sind Sie manchmal traurig?

Althaus: Ja, natĂŒrlich. Und ich bin dankbar, dass meine Frau das mit mir trĂ€gt und auch meine erwachsenen Kinder. Die Familie hilft mir, einen grĂ¶ĂŸeren Abstand zu gewinnen zum Alltag der politischen Wirklichkeit. Auch meinen RĂŒcktritt habe ich nur zusammen mit meiner Familie und engsten Freunden entschieden. Und danach bin ich sofort nach Hause gegangen, und wir haben unendlich lange geredet. Im Privaten konnte ich zeigen, was ich empfinde.

"Das war meine Rettung"

ZEITmagazin: Wie ist das fĂŒr Sie, wenn Ihre Frau nun plötzlich stĂ€rker ist als Sie?

Althaus: Das ist eine sehr schöne Erfahrung, dass die Ehe ein RĂŒckzugsraum ist, in dem ich nicht immer stark sein muss. Dass die Familie ein Miteinander ermöglicht, das die StĂ€rken und SchwĂ€chen aller gut vereint.

ZEITmagazin: Dann war die Familie also Ihre Rettung? 

Althaus: Die Familie und die wichtige Erkenntnis, dass es im Leben nicht immer nur darum geht, die nĂ€chsthöhere Position zu erklimmen, dass es kein stetes AufwĂ€rts gibt, sondern dass SchwĂ€chen oder Tiefs auch andere, neue Entwicklungsperspektiven ermöglichen. Und darin, dies anzunehmen, möchte ich ein Vorbild sein, mir selbst und meiner Familie. Dass ich die Wechsel in meinem Leben bewĂ€ltigen kann. Dass ich nicht hadernd, sondern dankbar zurĂŒckschaue auf das, was ich erleben und gestalten durfte. Und dass es auch dann weiter- und aufwĂ€rtsgeht, wenn ich nun mit innerer Überzeugung einen ganz neuen Weg beschreite. Ich fĂŒhle mich dabei trotzdem glĂŒcklich.

Herlinde Koelbl gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan und dem ZEIT-Redakteur Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer neuen GesprĂ€chsreihe "Das war meine Rettung". Die renommierte Fotografin wurde in Deutschland auch durch ihre Interviews berĂŒhmt.