Dieter Althaus

37308 Heilbad Heiligenstadt

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16.12.2009

"Es tut noch weh"

Herr Alt-Ministerpr├Ąsident, wie geht es Ihnen?

K├Ârperlich gut.

Und in Ihrem Herzen?

Da bewegt sich manches, nach diesem wirklich wechselvollen Jahr. Aber die Gesamtstimmung wird besser.

Tut es noch weh?

Es tut noch weh. Es war mir immer klar, dass dieses Jahr sehr schwierig wird, aber dass es dann so kam . . .

Und jetzt m├╝ssen Sie loslassen.

Das l├Ąuft gerade, seit zweieinhalb Monaten. Man muss sich daran gew├Âhnen, dass nicht ein Termin den n├Ąchsten hetzt, dass nicht mehr die kondensierten Nachrichten auf dem Morgentisch liegen.

Denken Sie manchmal: W├Ąre ich nur nicht zur├╝ckgetreten?

Nein. Mir war klar, wenn ich mich nicht rechtzeitig selbst aus dem Weg nehme, dann wird es f├╝r eine Koalition ganz schwierig. Ich war f├╝r die Sozialdemokraten das Hauptproblem.

Wann stand die Entscheidung fest?

Am Wahlabend. Es ging nur um das Wie, ich wollte nat├╝rlich noch m├Âglichst vieles von dem festzurren, was wir als CDU in all den Jahren erreicht hatten. Also versuchte ich mit SPD-Chef Matschie zu reden, doch der sprach nicht mit mir. Er ging nicht an das Handy, obwohl er meine Nummer sehen musste, und als ich ihn ├╝ber den offiziellen Weg erreichte, h├Ârte er mich zwar an, verwies dann auf die Sondierungsgespr├Ąche am Sonnabend nach der Wahl. Da war f├╝r mich klar, jetzt muss ich den Weg schneller freimachen.

In ihrer Partei schien sich bald eine inoffizielle Mehrheit einig darin, dass Sie die alleinige Verantwortung trugen. Es gab Kritik an Ihrem Wahlkampf-Stil, an den gesetzten Themen . . .

Dass jetzt manche meinen, es vorher alles schon gewusst zu haben, verwundert mich schon. Aber da kann ich nur sagen: Da nutzt doch die Gremien und sagt's auch vorher. Wir haben alles, aber auch wirklich alles im Team entschieden.

Man h├Ârt, Ihre R├╝cktrittsentscheidung fiel nach der Sitzung der alten, zum Teil abgew├Ąhlten Fraktion, als niemand gegen, aber auch niemand f├╝r Sie sprach. Waren sie verletzt?

Entt├Ąuscht. Mein Gott, in der Bibel gibt es so manche Szene, die best├Ątigt sich im Leben immer wieder. Ich sage mal so: Die Sitzung hat f├╝r mich nochmals best├Ątigt, dass ich den Weg freimachen muss.

Aber warum nur mit einem Satz in einer E-Mail?

Es war eine zutiefst pers├Ânliche Entscheidung, die ich nur mit meiner Familie zusammen traf. Ich musste mich in diesen Stunden stark disziplinieren. Ich wollte damit blo├č sagen: Ich habe verstanden.

Fehlte Ihnen die Kraft f├╝r eine Erkl├Ąrung?

Ich wollte an diesem Tag nicht ├Âffentlich dar├╝ber reden. Aus der abgekl├Ąrten R├╝ckschau sage ich nat├╝rlich: eine Gremiensitzung mit Pressekonferenz w├Ąre besser gewesen.

Ihr abrupter Schritt zeitigte entsprechende Reaktionen. Frau Lieberknecht sagte im Radio, die ├ära Althaus ist zu Ende. Das sa├č, oder?

Ach, wissen Sie, Christine Lieberknecht und ich befinden uns politisch seit 20 Jahren auf einem gemeinsamen Weg. Da gab es Meinungsverschiedenheiten, nat├╝rlich, aber auch ganz viele Gemeinsamkeiten. Und diese Gemeinsamkeiten ├╝berwiegen deutlich.

Als Sie nach Ihrem R├╝cktritt Ihre R├╝ckkehr in die Staatskanzlei ank├╝ndigten, kl├Ąrten Birgit Diezel und Christine Lieberknecht sehr schnell die F├╝hrungsfrage. Es hie├č, Sie h├Ątten da andere Pl├Ąne gehabt, die die beiden verhindern wollten.

Nein, es gab keinen Plan.

Und Ihre mehrfachen Treffen mit Bernhard Vogel?

Ich war mit Bernhard Vogel in Kontakt in der Frage, wie er mithelfen k├Ânnte beim ├ťbergang. Es ging immer nur um seinen Rat, das war mir klar, und das hat er schon immer sehr deutlich gemacht.

Vielleicht beginnen wir am besten eine kurze historische R├╝ckschau mit Vogel, der sie 1992 erstmals ins Kabinett holte: Stimmt es, dass Sie eigentlich schon Josef Duchac darum gebeten hatte, Kultusminister zu werden?

Ja, er stellte mir im Dezember 1991 die Frage, es kam aber gar nicht mehr zu der Entscheidung, da er Ende Januar darauf das Amt aufgab. Bernhard Vogel hat mich dann zum Kultusminister berufen.

Wir fragen deshalb, weil Duchac mit Ihnen eine Kultusministerin namens Lieberknecht ersetzt h├Ątte - die dann mit ihrem R├╝cktritt den Abgang von Duchac mit erzwang.

Ach, das sind alte Geschichten. Ich habe zu Frau Lieberknecht in all den Jahren immer ein gutes Verh├Ąltnis gepflegt. Als Ministerpr├Ąsident habe ich sie ja dann auch 2004 gebeten, ob sie nicht Fraktionsvorsitzende werden m├Âchte . . .

. . . um sie dann zur Sozialministerin zu degradieren.

Das war keine Degradierung. Das Sozialressort ist wichtig, was Sie schon daran erkennen, dass es die SPD unbedingt wollte.

Zur├╝ck zu 1992, Ihre Berufung . . .

 . . . zum Kultusminister, ja. Ich wurde das sehr gerne, das war das politische Feld, auf dem ich seit der Revolutionszeit aktiv war. Ein Land baut auf vieles auf, Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik und Kulturpolitik, aber Bildungspolitik, die in der Landeshoheit liegt, die setzt wesentliche Fundamente.

Weigerten Sie sich deshalb 1994, Fraktionschef zu werden?

Ich hatte gerade in die Arbeit gefunden, einiges auf den Weg gebracht. Als dann 1999 wieder die Frage stand, habe ich aber nicht mehr gez├Âgert.

Vogel baute Sie danach systematisch zu seinem Nachfolger auf. 2000 wurden Sie CDU-Chef, 2003 Ministerpr├Ąsident. Wann fiel die Entscheidung dazu?

Er fragte mich Anfang 2003.

Wie f├╝hlten Sie sich da?

Auf der einen Seite war da ein Gef├╝hl der Ehre, diese Verantwortung tragen zu sollen. Auf der anderen Seite Respekt. Doch da ich Bernhard Vogel beruflich und pers├Ânlich immer nahe stand, wusste ich recht genau, was alles an Herausforderungen, Aufgaben und Schwierigkeiten auf mich zukommt. Ich war vorbereitet.

Sie wirkten damals wie gewandelt: vom blassen Fraktionschef zum strahlenden Ministerpr├Ąsidenten. Wie kam's?

Ich kenne diese Sicht, obwohl sie mich immer ├╝berrascht hat. Es liegt wohl an der Unterschiedlichkeit der Aufgaben. Im Landtag musste ich die Abgeordneten hinter der Regierung Vogel versammeln, ich musste dienen. Im Mittelpunkt stand er - was ab dem Sommer 2003 dann auch f├╝r mich galt.

Sie wirkten pl├Âtzlich locker, gel├Âst, voller Ideen . . .

Man sollte sich nicht t├Ąuschen: Wenn ich sp├Ąter andere bat, ein Amt zu ├╝bernehmen, riet ich ihnen h├Ąufig: Denke dran, nicht das Amt schafft die Autorit├Ąt, sondern der Mensch. Das ist ein St├╝ck meiner Grundphilosophie, dass ich sage, wenn ich ein Amt ├╝bernehme, wenn ich Ja sage, dann muss ich es mir auch zutrauen. Ich wurde ja auch gleich Bundesratspr├Ąsident, vor mir lag ein riesiger Berg an Verantwortung, und dann der Wahlkampf 2004. Aber das alles hat mir eben auch gro├če Freude bereitet. Denn, wenn man etwas nicht mit Begeisterung und Freude macht, dann h├Ąlt man vielleicht auch so eine Belastung nicht durch.

Schon bald nach der Wahl wuchs das Gef├╝hl, dass Ihnen die Freude abhanden kam.

Die politische Alltagsarbeit h├Ąlt nat├╝rlich auch ihre Ern├╝chterungen und Probleme bereit. Zum einen, weil man wirklich manchmal falsch agiert, falsch einsch├Ątzt, falsch entscheidet. Zum anderen, weil manchmal die Zeit nicht ausreicht, zu kommunizieren - und weil vielleicht auch die Offenheit bei den Partnern nicht ausreicht, oder im Vorstand, oder wo auch immer, wirklich das zu sagen, was man sagen will. Aber die Freude an der Amtsf├╝hrung, die ist mir nicht abhanden gekommen.

Selbst aus Ihrem Umfeld wurde berichtet, dass Sie sich bei den Terminen verzettelten. Waren es nicht zu viele Dorffeste?

Es stimmt, ich war unwahrscheinlich viel im Land unterwegs, und dar├╝ber hinaus in ganz Deutschland, auch um Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Problemen und Erwartungen zu treffen. Das kostete Zeit - Zeit, die vielleicht dann f├╝r Gespr├Ąche innerhalb der Regierung und Landespolitik fehlte. Ich habe versucht, beides zu verbinden, aber es mag schon sein, dass das nicht immer funktioniert hat. Dennoch denke ich, dass das Politikprinzip richtig war: Man muss viel drau├čen sein, das bringt neue Impulse, Erkenntnisse und schafft Vermittlungsraum.

Ihr Politikprinzip hie├č auch: Im kleinsten Kreis beraten, dann einsam entscheiden. Die Familienoffensvie, Ihr Wahlkampf-Coup beim Abwasser . . .

. . . war kein Wahlkampf-Coup.

Sie verk├╝ndeten die Reform exakt zum Auftakt des hei├čen Wahlkampfes.

Das ergab sich so. Beim Thema Wasser und Abwasser existierte in einigen Regionen - bei Weitem nicht in allen - eine Fehlentwicklung, die 2003 einen fundamentalen Protest produzierte, der war existenziell, auch politisch . . .

. . . f├╝r ihren Wahlerfolg . . .

. . . aber auch f├╝r die betroffenen B├╝rger. Deswegen habe ich dann innerhalb von ganz kurzer Zeit eine kleine Gruppe von Experten gebildet, die dar├╝ber nachdenken sollte, wie kann man das Problem l├Âsen.

Sie sagen doch selbst: Die Proteste waren 2003, gehandelt haben sie erst im Fr├╝hjahr darauf. Warum?

Nein, wir haben auch vorher gehandelt, mit Finanzhilfen und mit einer extra Eingreifgruppe. Mir wurde immer gesagt, wir bekommen das hin. Schlie├člich merkte ich, nein, wir bekommen es im vorhandenen rechtlichen Rahmen eben nicht hin.

Mit immensen Folgekosten.

Die h├Ątte es immer gegeben, denn es muss um die Menschen und ihre Interessen gehen. Wir haben dann im Wahlkampf eine L├Âsung vorgeschlagen und diese nach der Wahl umgesetzt, dazu stehe ich. Und bei der Familienoffensive: Da gab es einen langen Diskussionsprozess in der Partei auch mit Gewerkschaften und Sozialverb├Ąnden. Im Ergebnis stand unser CDU-Leitantrag im Mai 2003 "Familie st├Ąrken - Zukunft sichern" und . . .

 . . . am Ende haben sie doch allein entschieden.

Nein. Es mag sein, dass sich nicht jeder, der wollte, aktiv einbrachte - und dass wir die wesentlichen Inhalte nicht immer ausreichend vermittelten.

Tr├╝gt das Gef├╝hl, dass Sie sich auch damit inhaltlich bundesweit profilieren wollten?

Darum ging es mir nicht, es ging mir immer um die Familien. Allerdings ist es richtig, dass im Ergebnis unser Konzept vom Erziehungsgeld, auch weil es in unserem Nachbarland Bayern auf Sympathie stie├č, von der Gro├čen Koalition f├╝r das Jahr 2013 das Betreuungsgeld bundesweit beschlossen wurde. Es ist gut, dass jetzt an diesem Ziel festgehalten wird.

Aber mit Ihrem Konzept des B├╝rgergeldes wollten Sie ├╝ber Th├╝ringen hinaus wirken?

Ich f├╝hlte mich zunehmend unwohler, wenn es Fragen dazu gab, wie sich unser Sozialsystem in den n├Ąchsten Jahren weiterentwickelt, wie wir die Rente sichern, wie wir unser Gesundheitssystem und die Pflege ausreichend finanzieren, wie wieder mehr Menschen Arbeit finden. Und weil ich die Debatte ├╝ber das Grundeinkommen schon kannte, habe ich mit anderen zusammen ├╝berlegt, wie kann man das Modell so entwickeln, dass der Anreiz zur Arbeit und die soziale Sicherheit ├╝ber die gesamte Lebensbiografie bestehen.

Sie leiten dazu noch eine Kommission der Bundespartei. Wann gibt es Ergebnisse?

Wir tagen noch, ich habe gerade mit dem CDU-Generalsekret├Ąr dar├╝ber gesprochen. Es wird dazu im n├Ąchsten Jahr einen Bericht an den Bundesvorstand geben. Und da ja im Koalitionsvertrag das Stichwort B├╝rgergeld zur Pr├╝fung mit aufgeschrieben ist, passt das gut.

Sie sitzen ja auch noch f├╝r ein Jahr im Bundespr├Ąsidium der CDU. F├╝hlt sich das nicht merkw├╝rdig, zweitklassig an?

Ich komme mir nicht so vor, und ich werde auch nicht so wahrgenommen. Ich hatte ja damals bei der Wahl vor gut einem Jahr mit das st├Ąrkste Ergebnis. Deswegen nehme ich das Mandat jetzt auch im Laufe dieser Periode bis zum n├Ąchsten Jahr mit Engagement wahr.

K├Ânnten Sie sich vorstellen, nochmals zu kandidieren?

Das muss Christine Lieberknecht als Landesvorsitzende entscheiden. Ich empf├Ąnde es aber als v├Âllig normal, wenn sie den Platz beanspruchte. Davon gehe ich auch aus.

Sind Sie zufrieden mit dem, was Frau Lieberknecht mit der SPD herausverhandelt hat? Etwa bei der Ressortverteilung?

Zum Zuschnitt des Kabinetts sage ich nichts, das w├Ąre unangemessen. Den Koalitionsvertrag kann ich auch nur im Ergebnis beurteilen, ich war ja bei den Verhandlungen bewusst nicht dabei. Ich akzeptiere das, was vorgelegt wurde, es ist eine gute Grundlage, um daraus das Beste f├╝r Th├╝ringen zu machen. Ich werde das nicht kritisieren, ich werde einfach sehen, wie sich Th├╝ringen weiterentwickelt.

Aber die Errichtung von Gemeinschaftsschulen ├Ąrgert Sie?

Ich sehe darin keinen Sinn. Jeder muss mit seinen Begabungen, Neigungen, F├Ąhigkeiten maximal gef├Ârdert werden. Wenn aber die ├Âffentliche Schule diese Aufgabe nicht ausreichend erf├╝llt, wird es gen├╝gend Alternativen durch private Schulen geben. Das erleben wir in vielen L├Ąndern der Welt. Das sollte nicht unser Weg sein. Deshalb bin ich froh, dass grunds├Ątzlich an den Schulstrukturen und auch den Inhalten festgehalten wird. Es w├Ąre ja auch gegen jede Vernunft, wenn wir nach so klaren Erfolgen, die wir auch national und international nachweisen, hier etwas ver├Ąnderten.

Die Mehrheitsmeinung in der Bev├Âlkerung trafen Sie nicht.

Was spontane Stra├čenumfragen betrifft, da m├Âgen Sie recht haben. Aber wenn man unsere Bildungspolitik erkl├Ąrt oder wenn man selbst als Eltern betroffen ist, ├Ąndert sich die Sicht. F├╝r uns als Union gibt es da immer ein Vermittlungsproblem, also eine Vermittlungsaufgabe, das hat sich auch im Wahlkampf gezeigt. Wir konnten nicht ausreichend verst├Ąndlich machen, warum bestimmte Entscheidungen so gef├Ąllt wurden, wie sie gef├Ąllt wurden. Die guten Ergebnisse Th├╝ringens, etwa bei Bildung, Wirtschaft, Hochschule, Wissenschaft und auf dem Arbeitsmarkt - das sind Fakten. Diese sprechen f├╝r unseren Weg und m├╝ssen auch k├╝nftig vermittelt werden.

Sie waren der Partei- und Regierungschef. Ist die Vermittlung, sagen wir mal: einer Kabinettsreform, nicht Ihre Verantwortung?

Ich will gar nicht die Verantwortung von mir wegschieben. Wenn ich in meiner Funktion bestimmte Ziele verfolgt habe, dann waren manchmal auch schnelle Entscheidungen n├Âtig. Eine prinzipielle Kabinettsreform hatte ich aber lange geplant . . .

. . . und ├Âffentlich stets ausgeschlossen, quasi Ihr Geheimnis . . .

. . . weil es bei solchen Personalentscheidungen prinzipiell nur so und nicht anders geht. Dass dann Innenminister Dr. Gasser im Streit um die Polizeireform zur├╝cktrat, kam f├╝r mich sehr pl├Âtzlich, wobei ich seine Entscheidung verstand.

Er ging, weil Ihn die Fraktionsvorsitzende Lieberknecht auflaufen lie├č.

Er ging, weil die Mehrheit f├╝r die Polizeireform in der Fraktion nicht stand. Dazu kam, dass mir weitere Minister deutlich gesagt hatten, dass sie aus beruflichen oder aus gesundheitlichen Gr├╝nden ausscheiden w├╝rden . . .

. . . was etwa bei Kultusminister Goebel nicht recht glaubhaft wirkte.

Mir gegen├╝ber hat er es so gesagt, etwas anderes kann ich nicht als Grundlage nehmen.

F├╝r Goebel wollten sie Peter Krause. Da lief doch alles schief, was schieflaufen konnte.

Dr. Krause ist ein hervorragender Mann, er w├Ąre ein guter Minister geworden. Aber es lief ungl├╝cklich, das gebe ich zu. Seine Mitarbeit bei der "Jungen Freiheit" war ja bekannt, und ich hatte ihm deutlich gemacht, er braucht da eine ganz klare Argumentation: diese Zeit ist Teil seiner Biografie, aber er muss sich von dieser Arbeit ganz klar distanzieren.

Das hatte Herr Krause offensichtlich falsch verstanden.

Es lief, wie gesagt, ungl├╝cklich. Die mediale Kampagne gegen Dr. Krause war aber in der Sache unbegr├╝ndet, aber sie wurde, wenn man es im Nachhinein betrachtet, auch durch Kommunikationsm├Ąngel ausgel├Âst.

Mangelnde Kommunikation: Da denkt man nat├╝rlich an die Wochen nach Ihrem Unfall, insbesondere an den Parteitag in Waltershausen, mit Ihrer Wahl in Abwesenheit und dem parallelen Interview auf dem Boulevard. Da ist doch etwas schiefgelaufen?

Ja, und das tut mir auch leid. Diese Parallelit├Ąt war nicht beabsichtigt, mir war nicht klar, wann das Interview genau ver├Âffentlicht wird.

Sie wussten es nicht?

Nein. Ich konnte mich damals, beginnend im M├Ąrz, immer mal eine halbe bis eine Stunde mit Politik besch├Ąftigen. Zu dem Zeitpunkt war nicht klar, dass ich dann doch so schnell genesen w├╝rde.

Der Unfall, Ihre Verletzung, die Rehabilitation - ist das verschlossen im Innern?

Das geht gar nicht. Der 1. Januar 2009 hat mein Leben ver├Ąndert. Gott sei Dank bin ich wieder gesund, aber dass Beata Christandl bei dem Unfall starb, wird mich f├╝r immer belasten. Ich bete f├╝r sie, f├╝r ihren Sohn, ihren Mann. Das wird bleiben.

Hadern Sie mit dem Schicksal?

Das nicht. Aber der Unfall setzt mir zu. Ich kann mich an das Ungl├╝ck nicht erinnern.

Sie sagten in Ihrem ersten Interview, Schuld ist nicht die richtige Kategorie. K├Ânnen Sie Kritik daran nachvollziehen?

Aus einer Au├čensicht kann ich es nachvollziehen. Doch jeder, der selbst etwas ├ähnliches wie ich erleben musste, d├╝rfte es anders einsch├Ątzen. Ich w├╝nsche das aber keinem.

Eine gro├če Zeitung, die Ihrer Politik immer gewogen war, schrieb, Sie h├Ątten Ihr Amt f├╝r die private Rekonvaleszenz und Resozialisierung missbraucht.

Es gibt viele, die so viel ├╝ber mich zu wissen meinen. Ich habe vor allem meiner Frau zu danken, die mir eine riesige St├╝tze war und nie an mir gezweifelt hat. Ich habe vom ersten Tag an daf├╝r gek├Ąmpft, in mein Amt zur├╝ckkehren zu k├Ânnen. Ich habe das f├╝r meine Pflicht gehalten, und die Partei hat mich dabei unterst├╝tzt. Das ist das, was ich dazu sagen kann.

Kam Ihre R├╝ckkehr zu fr├╝h?

Ich habe nach dem Unfall immer nur gedacht, ich will, ja: ich muss zur├╝ck. Meine Frau sagte mir, dar├╝ber war mit mir keine Diskussion m├Âglich. Die Entscheidung zur R├╝ckkehr selbst aber war wohl├╝berlegt und wurde zusammen mit dem Team der Klinik getroffen. Ich war wieder fit.

Nach Ihrer R├╝ckkehr sagten Sie immer ein bisschen stolz, ich brauche keinen Arzt mehr. Wir haben uns immer gefragt: Was w├Ąre denn so schlimm daran, sich psychologisch betreuen zu lassen? Ist das nicht sogar zwingend?

In der Rehabilitationszeit wurde ich ja intensiv behandelt, in vielen Bereichen. Dass ich danach dann keine weitere ├Ąrztliche Betreuung brauchte, nahm ich dankbar an. Das kann auch anders sein. Ich wei├č, dass viele, die solche Verletzungen haben, also ein Sch├Ądelhirn-Trauma, mit einem anderen Verlauf leben m├╝ssen.

Hat der Rest Ihr Glaube abgefangen, die Kirche?

Ich hatte gute Gespr├Ąche mit einer Ordensschwester, aber auch mit einem Bischof der mich besuchte. Das hat geholfen, nat├╝rlich. Gebete bleiben, das darf nicht abgeschlossen sein . . .

. . . genauso wenig wie der zivilrechtliche Vergleich, der nach Ihrer strafrechtlichen Verurteilung noch aussteht. Warum dauert das so lange?

Es ist bereits einiges abgegolten, das Weitere wird mit meiner Versicherung verhandelt . .

. . . die am Ende alles tr├Ągt?

Was den Ausgleich betrifft, ja.

Im Prinzip sind Sie jetzt nur noch Abgeordneter, ohne besondere Funktion in Parlament und Fraktion. Das kann doch nicht alles sein?

Ich werde viel eingeladen, zu Reden und Diskussionen, das nehme ich nat├╝rlich gerne wahr. Dies sind f├╝r mich gute M├Âglichkeiten, an Aufgebautem anzukn├╝pfen.

Aber Ihr Ehrgeiz, worauf richtet der sich jetzt?

Nach diesem Jahr, das ja auch bittere Erfahrungen bereit hielt, richtet er sich auf das Grunds├Ątzliche in unserer Gesellschaft. Dazu kommen weiterhin spezielle Themen wie die Bildungspolitik, das Solidarische B├╝rgergeld oder die Wirtschaft. Ich habe auch einige der ehrenamtlichen Funktionen turnusgem├Ą├č gerade wieder erhalten, zum Beispiel im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und beim Kreissportbund Eichsfeld. F├╝r Weiteres bin ich offen.

Gibt es jetzt schon konkrete Pl├Ąne?

Nein.

Hatten Sie nicht gerade mit Angela Merkel ein gemeinsames Abendessen?

Sie hatte mich schon vor l├Ąngerer Zeit eingeladen. Es war ein gutes Vieraugengespr├Ąch.

Und?

Mehr ist dazu nicht zu sagen.
 
Sie waren vor ein paar Tagen in ├ľsterreich. Auch in den Bergen?

Nein, nur in Wien. Wenn Sie auf Abfahrts-Skifahren anspielen: ich habe das im Moment nicht vor. Ich bin zum Jahreswechsel in Th├╝ringen.

Haben Sie eigentlich schon mal daran gedacht, sich einen Hund zu halten?

Ja, aber meine Frau ist da eher skeptisch.

Vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch. Zum Ende m├Âchten wir Sie noch nach Ihren gr├Â├čten Erfolgen fragen.

Erstens, dass wir heute ein Bildungsland sind, das national und international Standards setzt. Das ist f├╝r die Zukunft der Th├╝ringerinnen und Th├╝ringer und des Landes enorm wichtig. Und zweitens, dass wir mit der Familienpolitik, dem Erziehungsgeld und der Betreuungswirklichkeit einen guten Weg gehen. Drittens, dass wir einen erfolgreichen, technologieorientierten Mittelstand haben. Viertens, dass wir den Weg der Haushaltskonsolidierung konsequent gegangen sind - und es g├Ąbe mehr.

Und die Niederlagen?

Ach, da gab es so manche. Ich habe es nicht geschafft, die Abgabenprobleme, ob nun bei dem Thema Wasser und Abwasser oder auch beim Stra├čenausbau, wirklich umfassend zu l├Âsen - auch wenn viel Richtiges getan wurde. Dazu verloren wir bei wichtigen politischen Vorhaben Gerichtsprozesse, auch vor dem Verfassungsgerichtshof in Weimar. Das kann nicht befriedigen. Und es gab, gerade zuletzt, Kommunikationsfehler, f├╝r die ich nur um Verzeihung bitten kann. Unterm Strich aber bleibt Dankbarkeit daf├╝r, dass ich mit Leidenschaft und Erfolg seit 1989 meine Heimat mitpr├Ągen durfte und so die Chancen der Freiheit nutzen konnte. Th├╝ringen genie├čt einen guten Ruf, und ich durfte daran mitarbeiten.

Gespr├Ąch: Antje-Maria LOCHTHOFEN, Martin DEBES