Dieter Althaus

37308 Heilbad Heiligenstadt

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Wiederaufnahme der Amtsgeschäfte

Mit freundlicher Genehmigung der SuperIllu-Verlag GmbH und Co KG. Das Interview ist der Zeitschrift SuperIllu 21 / 2009 erschienen.
 

Eine ganz schlichte Frage zu Beginn: Wie geht es Ihnen, Herr Althaus?

Einfach gut. Ich arbeite jetzt seit einigen Wochen wieder, hatte bereits viele intensive Begegnungen mit Menschen in unterschiedlichen Regionen Thüringens. Ich fühle mich gesundheitlich sehr gut aufgestellt und habe das Gefühl, dass es der richtige Zeitpunkt war, wieder die politische Arbeit aufzunehmen.

Macht Ihnen Politik wieder Spaß?

Ja. Gott sei Dank war das für mich nie eine Frage. Meine Frau hat mir erzählt, dass ich selbst in der ganz schwierigen Phase unmittelbar nach dem Koma, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, nie an eine Rückkehr in die Politik gezweifelt habe. Ich habe sehr dafür gekämpft, wieder Politik machen zu können.

Wie kommt‘s, dass Sie nie an Ihrer Rückkehr gezweifelt haben – Pflichtgefühl oder Abhängigkeit von der Droge Politik?

Weder noch. Der Hauptgrund ist: Mir macht Politik Spaß! Ich habe von 1989 an mit großer Begeisterung für die Veränderung gearbeitet. Es macht mir Freude, etwas fürs Land bewegen zu können und mit Menschen zu arbeiten – Tag für Tag.

Gibt es noch Beeinträchtigungen durch den Unfall?

Ich habe zum Glück keine Schmerzen und nehme seit Anfang April auch keine Medikamente mehr.

Experten sagen, dass sich bei Schädel-Hirn-Verletzungen oft erst nach sechs bis zwölf Monaten Spätfolgen zeigen können. Haben Sie Angst davor?

Eine gewisse Angst ist vorhanden, keine Frage. Die Ärzte haben mich auch auf die Gefahr von Spätfolgen hingewiesen. Umso wichtiger ist es, dass ich alles tue, um meine persönliche Fitness zu erhalten, die ja auch zu meinem verhältnismäßig schnellen Genesungsprozess beigetragen hat.

Wann haben Sie mitbekommen, dass Sie für den Tod eines Menschen verantwortlich sind?

Bewusst realisiert habe ich das erst etwa fünf Wochen später, im Februar.

Und wie haben Sie reagiert?

Als ich das ganze Ausmaß des Unfalls und damit der Folgen für Frau Christandl und ihre Hinterbliebenen wahrgenommen habe, war ich tief bestürzt. Damit hat sich für mich eine ganz neue, bittere Erfahrung ergeben – nämlich die, mit der Schuld zu leben, um Vergebung zu bitten und auf Vergebung zu hoffen.

Sie sprechen inzwischen ohne Vorbehalte von Ihrer Schuld. Das war nicht immer so. Anfangs haben Sie nur von Verantwortung gesprochen. Dann haben Sie ihre Schuld recht abstrakt aus dem Rechtsgutachten zum Unfallhergang abgeleitet. Woher der Wandel?

Ich habe selber keine Erinnerung an den Unfall, konnte den gesamten Umfang der Akten erst in den letzten Wochen zur Kenntnis nehmen. Mir ist dabei klar geworden: Dass ich die Schuld habe und die Verantwortung trage, ist nicht nur eine abstrakte Feststellung des Gerichts, sondern etwas, das ich für mich persönlich akzeptieren muss.

Fanden Sie es fair, dass man Ihnen anfangs Gefühlskälte vorgeworfen hat?

Ich habe lernen müssen, dass es nicht um Fairness geht. Was sich in meinem Innersten abspielt, kann keiner ermessen – außer vielleicht meine Frau, die täglich mit mir umgeht.

Auch der Ehemann der Getöteten, Bernhard Christandl, vermisst nach Aussagen seines Anwalts ein klares Bekenntnis zu Ihrer Schuld…

Ich habe mit Herrn Christandl einen sehr guten und fairen Austausch. Ich habe ihm geschrieben und er hat mir geantwortet. Ich kann in diesem Brief überhaupt nicht den Ansatz dieser öffentlich wahrgenommenen Kritik erkennen. Ich bin jedenfalls dankbar für diesen Kontakt und werde ihn fortsetzen.

Wie ist der Stand der zivilrechtlichen Verhandlungen um Schadensersatz?

Das wird derzeit zwischen den Anwälten verhandelt. Ich gehe davon aus, dass dabei ein Ergebnis erzielt wird, mit dem auch sichergestellt ist, dass für den kleinen Sohn von Frau Christandl gut gesorgt wird.

Ob Ski, Motorrad, Mountainbike, Tauchen oder Fußball – Sie waren bisher als sehr aktiver Sportler bekannt. Haben Sie jetzt Sorge, dass Ihnen wieder etwas passieren könnte?

Eine Hemmschwelle ist auf jeden Fall vorhanden. Ich bin inzwischen wieder Auto und Fahrrad gefahren, werde aber in den nächsten Monaten meine sportlichen Aktivitäten nach dem ausrichten, was meine Ärzte für richtig halten.

Was machen Sie jetzt, um sich fit zu halten?

Zum Beispiel Nordic Walking – das habe ich mir während der Rehabilitation angeeignet. Das ist ein ausgleichender und zugleich fordernder Sport. Außerdem trainiere ich wie auch schon vor dem Unfall an Fitness-Geräten.

Sie haben ja schon gesagt, Sie würden auch wieder Ski fahren. Kostet das nicht unendlich viel Überwindung?

Ja, aber die Ärzte sagen mir, dass es wichtig ist, solche Hemmschwellen zu überwinden. Zurzeit steht das noch nicht auf der Tagesordnung., Der Winter wird diese Frage erneut aufwerfen, und ich werde sie dann wahrscheinlich mit „ja“ beantworten.

Sie haben eben gesagt, Sie hätten keinen Moment daran gedacht, aus der Politik auszusteigen. Hat Ihre Frau Sie darin immer bestärkt?

Sie hat mich auf diesem ganzen Weg mit der Absicht begleitet, mir zu helfen. Dass ich persönlich für meine Rückkehr kämpfen wollte, hat meine Frau unterstützt, weil sie darin eine Motivation für meinen Heilungsprozess gesehen hat.

Wie wichtig war Ihre Frau in dieser Zeit für Sie?

Dass sie zu 100 Prozent an meiner Seite gestanden hat, war für mich existenziell wichtig. Meine Frau hat alle Höhen und Tiefen mit mir durchgemacht, hat mir Entscheidungen abgenommen, als ich dazu noch nicht in der Lage war. Insofern hat sich unsere Liebe nicht nur bestätigt, sondern weiterentwickelt. Das war eine Bewährungsprobe für unsere Liebe, die sich keiner wünscht, die mir aber nach 27 Ehejahren gezeigt hat, wie wichtig mir meine Frau ist, wie gut ich in unserer Ehe aufgehoben bin.

Mussten Sie in dieser Zeit gelegentlich weinen – auch nach dem plötzlichen Tod Ihres Vaters Anfang Februar?

Das hat mich alles schon mitgenommen. Ich bin jemand, der solche Emotionen nicht verstecken kann und nicht verstecken will. Für seine Tränen braucht sich auch ein Mann nicht schämen, ganz im Gegenteil.

Man hat Sie auf dem Landesparteitag Anfang Mai in Erfurt auch wieder lachen sehen, zusammen mit Ihrer Frau. Mussten Sie das erst wieder lernen?

Nein. Das kommt von innen. Ich habe einfach gespürt, dass meine Partei hinter mir steht und mich warmherzig willkommen heißt. Die Freude darüber habe ich zum Ausdruck gebracht – auch, indem ich meine Frau auf die Bühne geholt habe, womit sie gar nicht gerechnet hatte.

Sie haben die medizinische Betreuung als optimal gelobt. Glauben Sie, dass Sie diese auch erfahren hätten, wenn Sie nicht Dieter Althaus, sondern Herr Schmitz oder Herr Schulz wären?

Ja. Ich habe mehrere Mitpatienten während meiner Rehabilitation erlebt, vom Auszubildenden bis zum Rentner. Alle wurden gleichermaßen exzellent betreut, was einerseits an den hervorragenden medizinischen Möglichkeiten, vor allem aber am engagierten Personal lag.

Wann kehrt Normalität für Sie ein – Normalität in dem Sinne, dass Sie nur noch als der Politiker und der Mensch Althaus, aber nicht mehr als der Protagonist eines tragischen Geschehens wahrgenommen werden?

An mir soll‘s nicht scheitern: Ich versuche, das Signal auszusenden, dass man mit mir ganz normal umgehen kann und soll, dass für mich die tägliche Arbeit für den Freistaat Thüringen im Mittelpunkt steht. Trotzdem wird die Frage des Unfalls und seiner Umstände die Menschen, die mit mir zu tun haben, weiterhin beschäftigen. Das ist völlig legitim, damit muss ich leben.

Sie werden bald 51. Was wünschen Sie sich für Ihr weiteres Leben, gibt es noch große Träume?

Im Mittelpunkt stehen für mich Gesundheit und familiäres Glück. Wie zerbrechlich das ist, hat mich dieser Unfall gelehrt.

Vor ein paar Wochen haben Sie noch die absoulute CDU-Mehrheit bei der Landtagswahl am 30. August angestrebt, jetzt geben Sie sich mit etwas zufrieden, was Sie „Gestaltungsmehrheit“ nennen…

Die Gestaltungsmehrheit ist für mich die Beschreibung des Gesamtkapitels. Wenn der künftige Landtag wieder nur aus drei Parteien bestehen sollte, ist Gestaltungsmehrheit selbstverständlich eine absolute Mehrheit, weil nur so Rot-Rot verhindert und die gute Entwicklung Thüringens für die Zukunft gesichert werden kann.

Aber als Juniorpartner will SPD-Spitzenkandidat Christoph Matschie doch nicht in eine rot-rote Koalition gehen…

Es geht nicht um Herrn Matschie, sondern um die SPD. Die Logik, dass für die SPD eine Koalition mit der Linkspartei möglich und sogar gewollt ist, aber nur, wenn die SPD stärkste Partei wird, ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich glaube, dass die Sozialdemokraten auf jeden Fall Rot-Rot machen werden, wenn es rechnerisch funktionieren würde. Dabei ist es ihnen dann egal, wer vorne steht. Denn die inhaltlichen Übereinstimmungen zwischen SPD und der »Linken« ist ja zweifellos gegeben.

Wie wollen Sie die Wähler überzeugen, CDU zu wählen, um Rot-Rot zu verhindern?

Ich setze vor allem auf die Unentschlossenen – auf diejenigen, die parteipolitisch noch nicht festgelegt sind, vor allem aber auf diejenigen, die unschlüssig sind, ob sie überhaupt zur Wahl gehen sollen. Gerade das Jubiläumsjahr der friedlichen Revolution ist geeignet, um den Menschen deutlich zu machen: Wir sind vor 20 Jahren auf die Straße gegangen, weil wir freie, demokratische Wahlen wollten. Jetzt haben wir die Chance, also lasst sie uns auch nutzen!

Auf Bundesebene gibt es Streit innerhalb der Union, ob man im gemeinsamen Wahlprogramm von CDU und CSU Steuersenkungen versprechen soll. Wie sehen Sie das?

Für die Union ist schon seit Jahren klar: Wir brauchen ein einfacheres und gerechteres Steuerrecht mit niedrigeren Steuersätzen. Dieser Grundsatz muss auch im neuen Wahlprogramm verankert sein. Genauso wichtig ist es, dass wir in der derzeitigen Krisensituation darauf achten, dass der Staat trotz höherer Ausgaben und niedrigerer Einnahmen handlungsfähig bleibt. Deswegen können wir, wenn wir das generelle Ziel der Steuerentlastung beschreiben, nicht den Eindruck erwecken, dass dies kurzfristig zu erreichen ist. Aber die Legislaturperiode im Bund dauert ja vier Jahre – und wir setzen alles daran, dass wir im Laufe dieser vier Jahre nicht nur Krisenbewältigung leisten müssen, sondern auch weder den Wachstumspfad beschreiten werden.

Eine steuerliche Entlastung auf Pump und unter Bruch der Maastricht-Kriterien darf es nicht geben?

Nein, das kann es nicht geben, da wir als Union genauso auch als Garanten für solide Staatsfinanzen in der Pflicht sind.

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