Dieter Althaus

37308 Heilbad Heiligenstadt

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Das wird mich ein Leben lang begleiten

Wie Th├╝ringens Ministerpr├Ąsident Dieter Althaus die Last der Schuld erlebt, und wie er seine R├╝ckkehr ins Amt angeht. Ein Gespr├Ąch mit Focus Nachrichtenmagazin, erschienen in Nr. 18/2009  (27.04.2009)

FOCUS: Als Sie vor der R├╝ckkehr in die Politik ├╝ber Ihren Skiunfall und den von Ihnen verursachten Tod einer Frau sprachen, sagten Sie, Schuld sei daf├╝r ÔÇ×nicht die richtige KategorieÔÇť. Mittlerweile sprechen Sie von Schuld. Was ist da bei Ihnen passiert?

Althaus: Ich konnte mich erst in den letzten Wochen damit intensiv befassen. Ich hatte das Gutachten ├╝ber den Unfallhergang und die Beschuldigungsschrift der Staatsanwaltschaft gelesen. Ich selbst habe ja an den Unfall und die Wochen unmittelbar danach keinerlei Erinnerung. Deshalb habe ich die Formulierung gew├Ąhlt, dass ich das, was dort steht, akzeptiere und auch die Schuld annehme.

FOCUS: Gutachten, Beschuldigungsschrift, das klingt alles sehr abstrakt. Wie gehen Sie ganz pers├Ânlich mit dem Begriff Schuld um?

Althaus: Ich wei├č nach diesem Unfall noch sehr viel besser, wie zerbrechlich das Leben ist, wie eng das Leben und das Zerbrechen des Lebens beieinander liegen. Das habe ich am eigenen Leib erfahren. Und ich wei├č, wie schwer dieser Unfalltag und seine Folgen f├╝r die Familie Christandl waren: f├╝r Herrn Christandl der Tod der Ehefrau, f├╝r das Kind, den kleinen Sohn, der Verlust der geliebten Mutter. Das sind Erfahrungen, die mich sehr bedr├╝cken. Ich bin nat├╝rlich darauf angewiesen, dass die juristische Frage gekl├Ąrt ist, aber ich bin genauso darauf angewiesen, dass ich Vergebung erfahre.

FOCUS:
Haben Sie das Gef├╝hl, Herr Christandl habe Ihnen vergeben?

Althaus: Ja, er hat mir und meiner Frau gegen├╝ber eine ganz klare, faire und nachvollziehbare Formulierung gebraucht. Meine Frau hatte an der Beerdigungsfeier f├╝r Beata Christandl teilgenommen und mir davon berichtet, aber ich war durch meine starke gesundheitliche Einschr├Ąnkung durch das Sch├Ądel-Hirn-Trauma ├╝berhaupt nicht in der Lage, das alles zu erfassen, geschweige denn zu verarbeiten. Das ist jetzt anders.

FOCUS: Was bewegt Sie jetzt, vor allem wenn Sie an das Kind der toten Mutter denken?

Althaus: Es geht mir um einen fairen Ausgleich, der f├╝r das Kind eine gute Zukunft m├Âglich macht. Die zivilrechtliche Regelung ist eine Sache zwischen der Familie Christandl und meiner Versicherung.

FOCUS: ├ťber das Formale hinaus: Haben Sie Kontakt zu Herrn Christandl gesucht?

Althaus: Ich habe ihm geschrieben. Er hat mir auch sofort geantwortet. Ich habe ihm inzwischen erneut geschrieben.

FOCUS: Welche Worte haben Sie gefunden? Althaus: Ich habe geschrieben, dass ich mit meinem Mitleid, meiner Trauer, aber auch meinem t├Ąglichen Gebet bei ihm, bei seinem Kind und seiner verstorbenen Frau bin. Ich m├Âchte aber weiter diesen privaten, pers├Ânlichen Kontakt nicht in die ├ľffentlichkeit tragen.

FOCUS: Wie muss man sich Ihren tagt├Ąglichen Umgang mit der Trag├Âdie vorstellen?

Althaus: Ich bin bekennender Katholik. Es ist f├╝r mich eine ganz wichtige Normalit├Ąt, dass mein Tag beginnt und auch endet mit dem Gebet. Da wird der Umgang mit Schuld immer reflektiert. Das ist auch wichtig f├╝r mein seelisches Gleichgewicht.

FOCUS: Mit Blick auf das Gerichtsverfahren gegen Sie wurde Ihnen gelegentlich ein Promi-Bonus unterstellt

Althaus: Ich habe Verst├Ąndnis, dass ich als ├Âffentliche Person auch hier st├Ąrker beobachtet und gemessen werde als andere. Die manchmal versteckt formulierten Vorw├╝rfe, es sei auf das Gerichtsverfahren Einfluss genommen worden, sind unsinnig. Warum auch? Als ich dazu in der Lage war, habe ich von der ersten Minute an mit meiner Frau entschieden, dass ich alles, was von der Staatsanwaltschaft vorgelegt wurde, akzeptiere. Das hat sicher auch zur z├╝gigen Abarbeitung beigetragen.

FOCUS:
Sie hatten anfangs Probleme zu sprechen, zu lesen, sich zu konzentrieren. Kamen nie Zweifel auf, ob Sie ├╝berhaupt die R├╝ckkehr als Regierungschef schaffen w├╝rden?

Althaus: Die Angst ist dem Kampfeswillen gewichen. Was f├╝r mich in dieser ganzen Phase sehr wichtig war, war mein starker Wille, wieder in die politische Verantwortung zu gehen. Ich habe mit gro├čem Enthusiasmus gearbeitet. Ich habe alles getan, was ich konnte, um wieder zur├╝ck ins Amt zu kommen.

FOCUS: D├╝rfen Politiker nie Schw├Ąche zeigen?

Althaus: Menschen d├╝rfen nicht nur Schw├Ąchen zeigen, sie m├╝ssen es auch. Erst das macht sie zu Menschen. Und auch Politiker sind - bei allen besonderen Anforderungen an ihre Person - Menschen.

FOCUS: W├╝rden Sie Ihre Krankenakten der ├ľffentlichkeit zur Verf├╝gung stellen?

Althaus: Die ├ärzte haben in jeder Phase Rede und Antwort gestanden, wie es um meine Gesundheit bestellt ist. Da ich in ├Âffentlicher Verantwortung stehe, hat die ├ľffentlichkeit ein Recht zu erfahren, wie meine Konstitution ist. Ich bin fit und habe nichts zu verbergen.

FOCUS: Hatten Sie w├Ąhrend der Klinikaufenthalte Kontakt mit Angela Merkel?

Althaus:
Selbstverst├Ąndlich. Sie hat sofort nach dem Ungl├╝ck meine Frau angerufen. Wir haben seither mehrfach telefoniert.

FOCUS: Kommen wir zu politischen Themen: Die CDU steht insgesamt im Osten schlecht da. Angela Merkel setzt auf Ihren Erfolg in Th├╝ringen. Empfinden Sie das als Druck?

Althaus: Das ist kein Druck, sondern R├╝ckenwind. Angela Merkel wei├č, dass wir hart arbeiten, damit es in Th├╝ringen eine Fortsetzung der klaren CDU-Regierungsmehrheit gibt.

FOCUS: Wie soll die CDU bundesweit auf die Finanzkrise reagieren? 2005 entging sie mit einem harten, ehrlichen Wahlkampf knapp dem Fiasko. Wollen Sie den W├Ąhlern nun sch├Âne Illusionen bieten?

Althaus: Die Menschen wissen, dass Illusionen, falsche Verhei├čungen und Vertr├Âsten auf morgen in dieser Krise nicht weiterhelfen. Niemand glaubt, dass die Politik im Handumdrehen alles besser macht. Deshalb sollten wir keine leeren Versprechen machen. 

FOCUS: ... wie Steuersenkungen?

Althaus: Es verbietet sich jetzt, simple Steuersenkungen zu proklamieren. Denn es ist unsere Pflicht, die Staatsfinanzen im Auge zu behalten. Der Staat muss im Moment zus├Ątzliche Aufgaben erf├╝llen, da kann man nicht einfach Entlastungen verk├╝nden. Ich sehe zurzeit keinen Spielraum f├╝r Steuersenkungen. Die SPD will offenbar einen Steuergeschenke-Wahlkampf zu Lasten der h├Âheren Einkommen. Dem sollten wir widerstehen.

FOCUS: Vertrauen Sie noch einem Banker? 

Althaus: Nat├╝rlich kenne ich Banker, denen ich noch vertraue. Was mir aber fehlt, ist etwas Bescheidenheit da, wo Fehlentwicklungen zu verzeichnen waren. Die ethisch-moralische Dimension wird manchmal zu leicht ausgeblendet. Vor allem fehlen mir Verantwortungsbeziehungsweise Schuldbekenntnisse der Akteure. Ohne die ├ťbernahme von Verantwortung durch die Manager gelingt die ├Âkonomische Globalisierung nicht. Die Menschen werden die soziale Marktwirtschaft ansonsten als fragw├╝rdig betrachten. Das w├Ąre fatal, denn sie hat sich bew├Ąhrt und lebt von klaren ordnungspolitischen Regeln und ethisch-moralischer Verantwortung.

FOCUS: Im Wahlkampf k├Ânnte Ihr pers├Ânliches Schicksal Sachthemen verdr├Ąngen. Da k├Ânnte es bei Auftritten etwa ÔÇ×M├ÂrderÔÇť-Rufe geben. Haben Sie Angst davor?

Althaus: Nein, dann muss ich mich damit auseinandersetzen. Ich w├╝rde denjenigen sagen, dass dieser Vorwurf schlicht falsch ist. Auch im Wahlkampf m├╝ssen wir bei der Wahrheit bleiben.

FOCUS: Sie denken schon an Wahlkampf. Viele Menschen mit Sch├Ądel-Hirn-Trauma kehren gar nicht mehr in den Job zur├╝ck. Ist Ihre rasche Genesung f├╝r die ├ärzte ein Wunder?

Althaus: Mit dem Wort ÔÇ×WunderÔÇť halten sich die ├ärzte zur├╝ck. F├╝r mich selber aber ist es schon ein Wunder. Ich bin dankbar, dass ich mich so gut erholen konnte. Der tiefe Einschnitt in meinem Leben betrifft mich und macht mich betroffen. Das ist etwas, was mich mein Leben lang begleiten wird. 

Interview: Margarete van Ackern/Kayhan ├ľzgenc/Alexander Wendt

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