Dieter Althaus

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10.11.14 15:40

Der 9. November 1989 - ein Tag, der alles veränderte!

Ein Rückblick von Dieter Althaus, Ministerpräsident a.D. für das Magazin Lebenslust:gö November 2014


Der 9. November begann für mich im Prinzip wie jeder dieser Tage im Herbst 1989. Die Spannung der aktuellen Entwicklungen lag in dieser Zeit in der Luft. Die wöchentlichen Demonstrationen überall in der DDR, die Meldungen von spektakulären Ausreisen aus der DDR und die offensichtliche Rat - und Hilflosigkeit des SED - Staates und so manches mehr brachten eine Stimmung der unsicheren aber freudvollen Erwartung mit sich.  Ich war zunächst wie immer auf dem Weg zu meiner Arbeit in das südeichsfeldische Geismar, direkt im Grenzgebiet gelegen, um als Lehrer für Physik und Mathematik meine Schüler zu unterrichten.

Aber zunächst noch ein kurzer Blick zurück. Ich habe Weihnachten 1988 in kleiner privater Runde eine Wette abgeschlossen, dass in den nächsten Jahren die DDR untergehen würde. Bei dem Wettbeteiligten gab es Unverständnis, aber ich erlebte doch zunehmend als Lehrer, dass viele Schüler nicht mehr mit einer gespaltenen Identität leben wollten, d.h. das was sie am Abend im Westfernsehen sahen, teilten sie offen in der Schule mit. Und wer mit der Wirtschaft zu tun hatte – ich war familiär eng mit dem Handwerk verbunden – spürte zunehmend, dass die ökonomischen Fundamente des Staates nicht nur zu bröckeln begannen, sondern sie waren schon weitgehend hohl - die DDR war ökonomisch am Ende. Noch so manche Erfahrungsräume unseres Lebens und dieser Zeit wären zu nennen, aber über allem gab es diesen starken Wunsch nach Freiheit, frei denken, frei reden und sich frei bewegen.  So wuchs die Unzufriedenheit latent und  stetig und so war es für mich nicht verwunderlich, dass der Sommer 1989 so kam und ablief wie wir das erleben durften. Auf der einen Seite die sinnlosen Versuche eines zukunftslosen Staates durch neue Ideologisierungswellen gegen den so genannten Klassenfeind, also unsere deutschen Brüder und Schwestern, Stimmung zu machen und auf der anderen Seite wachsender politischer Unmut der sich immer stärker in Demokratie - und Oppositionsgruppen organisierte. Die DDR Bürger, die im Sommer 1989 in Ungarn waren, nahmen sich dann auch die Freiheit, in die Freiheit zu gehen, als zwischen Österreich und Ungarn diese menschenverachtende Grenze im August aufgeschnitten wurde. Und in den Botschaften von Prag, Budapest und Warschau suchten Deutsche Zuflucht vor ihrem Land der DDR, um in den Westen zu gelangen. Zum 40. Jahrestag der DDR, am 7. Oktober 1989, wollte dieser SED - Staat sich wie viele Jahre üblich ordentlich selbst berauschen und feiern, aber die Luft war endgültig raus. Was die Bürgerrechtsbewegungen lange vorbereitet hatten und sich dann plötzlich in Massendemonstrationen in Leipzig und folgend auch in vielen anderen Orten darstellte wurde öffentlich im besten Sinne durch die Warnung Gorbatschows an Honecker gekrönt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Das war eine wahrhaft befreiende Botschaft, denn so wurde das Blutvergießen verhindert. Auch wenn die Stasi noch länger ihr grausames Unwesen trieb, die Panzer blieben in den Kasernen. 

Meine Freunde und ich aus der Pfarrgemeinde St. Gerhard in Heiligenstadt, wie sicher viele andere Gruppen und Kreise im Eichsfeld – wir verspürten den Drang, jetzt muss es auch in Heiligenstadt, bei uns im Eichsfeld, endlich mit öffentlichem Protest los gehen. Dies war aus unserer Sicht auch deshalb zwingend weil wir als Christen von diesem SED - Staat ständig diskriminiert oder maximal ertragen wurden und weil wir in der Wahl des Heiligen Papst Johannes Paul II, eines Polen, im Oktober 1978 ein besonderes Hoffnungszeichen auf Freiheit sahen.

Wir verständigten uns also, am Ende unserer Gemeindemission in unserer Pfarrgemeinde im Oktober 1989 nach der Marienvesper zu demonstrieren. Aus einer kleinen Demonstration, die fast einer Prozession von etwa 600 Menschen glich, wurde innerhalb von zwei Wochen eine Montags - Demonstration von bis zu zwanzigtausend Menschen. Diese Demonstrationen gab es dann neben Heiligenstadt auch in Worbis, Leinefelde und Dingelstädt.

Nun zurück zum Tag des 9.November, ein besonders geschichtlich aufgeladenes Datum. Ich spürte, dass umfassendere Veränderungen in der Luft lagen aber das sich die Dinge tatsächlich so rasant entwickeln werden, das konnte ich am Nachmittag und frühen Abend des 9. November nicht ahnen. Am Abend wurde im Fernsehen diese denkwürdige Pressekonferenz mit Günter Schabowski übertragen und auf die Nachfrage eines italienischen Journalisten, wann denn die neue Reiseregelung zu mehr Freizügigkeit in Kraft träte, grübelte er erst ein wenig, blätterte dann in seinen Unterlagen und sagte schließlich, dass die Regelung mit sofortiger Wirkung in Kraft tritt.

Wir sind an diesem Abend wegen unserer kleinen Kinder  - 6 Jahre und 2 Jahre alt - noch nicht losgefahren, aber sofort nach Bekanntgabe der neuen Reiseregelung bildeten sich lange Schlangen von Autos und größere Menschenansammlungen an den Grenzübergangsstellen, so auch im Eichsfeld in Richtung Duderstadt. Wir erlebten die Begeisterungs - und Eroberungsstürme am Fernseher mit einem unbändigen Glücksgefühl mit. Mir war auch in diesen Stunden sofort klar, was da passiert, diese Grenzöffnung,  das würde das sehr schnelle Ende der DDR bedeuten, Gott sei Dank. Damit gab es auch eine ganz klare inhaltliche Richtung für unsere Demonstrationen die in dem Satz zusammen lief: „Wir sind ein Volk.“

Bevor ich aber mit meiner Frau,  den Kindern und den Schwiegereltern nach Duderstadt gefahren bin, wollte ich ihnen die unerträglichen und menschenverachtenden Grenzanlagen zeigen. Der Abbau der Grenzanlagen würde zügig erfolgen, da war ich mir sicher und deshalb setzten wir uns am Freitag den 10. November  in den Trabant und fuhren nach Lindewerra. Lindewerra, ein traumhaft am Fuße der Teufelskanzel und direkt am Hufeisen der Werra gelegenes Eichsfelddorf, war fast eingeschlossen vom  Grenzzaun des SED - Staates. Die 1901 eröffnete und 1945 zerstörte Werrabrücke verband den freien und unfreien Teil Deutschlands. Erst seit 1999 ist diese Brücke wieder ein oft benutztes Symbol der Freiheit in der Mitte Deutschlands. Ich wollte also meiner Familie diese Grenze direkt und unmittelbar zeigen, damit ihnen unvergesslich klar bleibt,  dass der SED-Staat ein verbrecherisches Regime ist. Diese Grenze symbolisierte die Menschenverachtung des Staates in besonders perfider Weise. Wir, die Bürger wurden vom eigenen Staat eingesperrt, d.h. mit Gewalt wurde die Unfreiheit  gesichert. 

Am 11. November, am Sonnabend reihten wir uns dann natürlich auch in die lange Schlange nach Duderstadt ein. Dann folgten unvergessene Begegnungen oft mit tiefer menschlicher Symbolik in Duderstadt, Göttingen und an so manchen aufgeschnittenen Grenzpunkten. 

Die Montags - Demonstrationen wurden natürlich weiter geführt, aber unsere Begeisterung über die ersten echten Freiheitserfahrungen führte auch dazu, das jetzt den Worten und Texten Taten folgten. Im Dezember 1989 bekam Heiligenstadt mit Bernd Beck einen neuen Bürgermeister und unser Kreis mit Dr. Werner Henning einen neuen sogenannten Ratsvorsitzenden. Ich wurde kurz danach gefragt, ob ich nicht – nach meinem persönlichen Engagement in der aus den Demonstrationen hervorgegangenen Arbeitsgruppe „Bildung“ des Runden Tisches – besondere Verantwortung im Kreis übernehmen und Schulrat werden wollte. Das damalige Ja, am Tag vor Heilig Abend, hieß sofort beginnen und am 2. Januar 1990 wurde ich Kreisschulrat.

Damit begann für uns alle und auch ganz besonders für mich eine spannende Zeit der Freiheits- und Demokratiegestaltung. Diese Zeit bleibt unvergesslich, denn sie war aufregend und sie hat unser Eichsfeld und unser Vaterland nachhaltig geprägt.

Natürlich, Freiheit ist immer auch mit vielen Anstrengungen und Mühen verbunden. Aber nur sie bietet individuelle Chancen für ein erfülltes und glückliches Leben. Deshalb sollten wir uns immer wieder den Wert dieser Freiheit bewusst machen und besonders dankbar für das Erreichte sein. 25 Jahre Mauerfall und Friedliche Revolution bieten uns dazu wunderbaren Anlass

Persönlich bin ich sehr dankbar für das, was ich in den vielen Jahren von 1990 bis 2009 erst für unsere Heimat das Eichsfeld und dann auch für das wiederbegründete Thüringen verantwortlich gestalten durfte. Deshalb blicken meine Familie und ich an diesem 9. November 2014 dankbar zurück und wir gehen mit dieser Dankbarkeit, mit Zuversicht und Gottvertrauen in die Zukunft. Aber am Ende war die friedliche Revolution 1989 für uns alle auch ein Wunder und das bleibt es bis heute, schauen wir auf die vielen Krisenherde in dieser Welt.